Biografie
Aymeraude du Couëdic, geboren 1995 in Paris, wuchs in Marseille, Frankreich, auf. Von 2013 bis 2015 studierte sie am Atelier de Sèvres und der École de communication visuel de la Ville de Paris (EPSAA). Danach zog sie nach Brüssel, wo sie 2020 an der École Nationale Supérieure des Arts Visuels La Cambre (ENSAV) ihren Master in bildender Kunst (Zeichnen) absolvierte. Seit 2025 wohnt und arbeitet sie in Turin, Italien.
Nach ihrem Studienabschluss erhielt sie verschiedene Stipendien und Preise in Belgien. Sie war „Artist in Residence“ bei der Moonens Foundation (9 Monate) und am Kulturzentrum Botanique in Brüssel und wurde mit dem Elisabeth-Burdot-Preis ausgezeichnet. Während ihrer Teilnahme an der Brussels Drawing Week bereitete sie die Ausstellung Genius Loci vor. Im Jahr 2023 widmete die Botanique ihrem Werk eine Soloausstellung. 2024 wurde ihr Werk im Museum More in Gorssel, Niederlande, präsentiert und 2025 auf Paleis Het Loo.
Du Couëdic untersucht die Spannung zwischen Kontrolle und Freiheit sowie Natur und Künstlichkeit. Mit Kohlezeichnungen, Gemälden und Installationen verbindet sie formale Präzision mit kritischer Reflexion aktueller Themen. In ihrem Werk behandelt sie Themen wie digitale Überwachung, Abfälle in westlichen Gesellschaften und die Mitschuld von Individuen an Kontrollsystemen. Indem sie den Blick der Betrachtenden einfängt, deckt sie auf, was oft negiert wird, und stellt Fragen, wie die Menschen ihre Welt gestalten - manchmal wider besseres Wissen.
Statt dekorative Bilder zu schaffen, betrachtet sie jedes Projekt als eine Erfahrung, in der sich Materialität und Bedeutung miteinander verbinden. Ihre Praxis bildet einen Dialog zwischen Erbe und Aktualität, Ästhetik und Engagement und lädt die Betrachtenden ein, über die reine Reflexion hinauszugehen und die eigene Wahrnehmung aktiv zu befragen.
Paranoptique
Die Installation Paranoptique spiegelt die heutigen Formen der Überwachung und sozialen Kontrolle wider. Sie wurde vom Konzept des Panoptikums von Jeremy Bentham inspiriert - einem Gefängnismodell, in dem die Insassen von einem zentralen Turm aus ständig sichtbar sind. Der Philosoph Michel Foucault leitete hiervon das abstrakte Modell einer Disziplinargesellschaft ab, die auf Kontrolle basiert.
In Paranoptique wird diese Architektur von Macht in das digitale Zeitalter übertragen. Überwachung und Kontrolle erfolgen nicht mehr länger von außen von einer zentralen Autorität; sie werden internalisiert, akzeptiert und reproduziert durch die Individuen selbst. Jede Person trägt zur Produktion von Daten bei, obwohl sie sich gleichzeitig davon bewusst ist, dass diese Daten öffentlich sichtbar sind. Zu denken ist an Überwachungskameras, Gesichtserkennung, biometrische Reisepässe, digitale Akten, Soziale Medien, Cookies, Daten usw. Technologien, die einst zur Befreiung der Menschen gedacht waren, haben die sozialen Beziehungen tiefgreifend verändert.
Die Installation besteht aus mit Holzkohle gezeichneten Silhouetten, leicht vergrößert, um das Gefühl der Beklemmung zu verstärken. Die Besuchenden tauchen in einen visuell geschlossenen Raum ein. Jeder Blick scheint den Betrachtenden zu folgen. Das Kunstwerk illustriert nicht nur eine Idee, sondern lässt sie auch physisch erfahren. Während sich die Betrachtenden durch die Installation bewegen, entsteht ein Spiel von Blicken zwischen ihnen, die somit gleichzeitig Beobachtende und Beobachtete werden.
Innerhalb dieser Logik gehört das Zentrum niemandem: Jede Person kann dort Platz nehmen und so zum symbolischen Kontrollpunkt werden. Dies durchbricht die Idee einer zentralisierten Macht. Diese Idee wird durch die kürzlich erfolge Anpassung der Installation noch verstärkt: Ursprünglich aus Kreisen aufgebaut, hat Paranoptique jetzt eine ovale Form angenommen. Diese geometrische Verschiebung spiegelt eine Veränderung in der Art der Macht wider: Der Kreis, perfekt und geschlossen, stand für die Stabilität der zentralisierten Kontrolle; das Oval dehnt sich aus, verformt und entfaltet sich.
Indem die ursprüngliche Wirkung des Panoptikums verformt wird, macht Paranoptique diese Transformation sichtbar. Wir leben nicht mehr unter einem Blick, sondern inmitten einer Vielzahl von Blicken, Bildschirmen, Daten und neuen Normen. Die Installation bietet eine sinnliche Erfahrung, die zum Nachdenken anregt. Inspiriert durch das klassische geschlossene Gefängnismodell, wird die Installation ein Freilichtgefängnis - eine Metapher für eine Welt, in der wir nicht länger von Mauern eingeschlossen sind, sondern durch uns selbst. Die Besuchenden können selbst entscheiden, ob sie bleiben, einen Beitrag leisten oder weggehen.